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18.10.09 / 20:15h
Jubiläum 30 Jahre Tangente: Christian Muthspiel Trio
Dancing Dowland
Christian Muthspieltb, p
Franck Tortillervibes
Georg Breinschmidb

Für Dancing Dowland verwendet Christian Muthspiel Werke des englischen Renaissancemeisters John Dowland als Grundlage seiner Metamorphosen. Es sind in erster Linie Stücke aus Dowlands berühmtem Instrumentalzyklus „Lachrimae or Seven Teares“, die weiterkomponiert, umgedeutet und somit als Ausgangspunkte für kammermusikalisch-jazzige Interaktionen herangezogen werden. Dancing Dowland ist als gesamtes Programm den Musikern des Trios auf den Leib geschneidert und berücksichtigt im Besonderen die klassische Herkunft der drei Instrumentalisten. Ein Trio, welches das interaktive Musizieren an der Grenze von Komposition zu Improvisation zu seinem persönlichen Stil gemacht hat. (Klaus Nüchtern in Falter: Woche 10/2009)

Christian Muthspiel, Jänner 2009: Als Sohn eines Musikers, der sich schon ab den 1950er-Jahren intensiv mit Alter Musik beschäftigt hat, gehörte die Musik der Renaissance zum Soundtrack meiner Kindheit. Die wie endlos wirkenden, schwerelos schwebenden, von Taktstrichen unbehelligten Linien der polyphonen Stimmengeflechte eines Tallis, Ockeghem, Schütz, Allegri oder eben Dowland üben bis heute größte Faszination auf mich aus.

Knapp vierhundert Jahre liegen zwischen John Dowlands Geburt und der Mitte des 20. Jahrhunderts, in welcher der Jazz seine wohl vitalste und revolutionärste Ära erlebte. Beschreibt man einige der wichtigsten Merkmale der Musik der Renaissance und des Jazz, tritt eine Reihe von Parallelen zutage: Die oftmals freie Wahl der Instrumente; die Skizzierung eines harmonischen Verlaufes, dessen Ausformung durch Improvisation mit musikalischem Sinn erfüllt werden muss; der daraus resultierende Freiraum für den Interpreten, welcher dem Werk die entscheidenden Impulse erst im Moment der Aufführung verleiht; die Möglichkeit, Stimmen hinzuzufügen oder wegzulassen u.s.w.

Je weiter man in der Geschichte der notierten Musik in die Vergangenheit zurückblickt, desto rudimentärer, skizzen- und rätselhafter erscheint uns das Notenbild. In Partituren der Renaissance gibt es zumeist weder Angaben bezüglich Tempo und Dynamik, noch Vorschriften zu Phrasierung und Artikulation. Das Schöne daran ist das daraus entstehende Rätsel, welches unsere Vorstellung fordert und fördert, das Geheimnis, wie diese Musik in ihrer Zeit geklungen haben mag. Ein Song von Dowland (1563-1626) dürfte von unterschiedlichen Musikern seiner Zeit genauso verschiedenartig interpretiert worden sein, wie etwa ein Jazzstandard mit jeder Band, die ihn spielt, eine ganz andere und oftmals neue Gestalt annimmt. Das, was zwischen den Zeilen steht, wird zum Wesentlichen. Das alte Material bleibt formbar, kann zur eigenen Musik umgedeutet werden, ohne gänzlich verbogen werden zu müssen. Mit Werken der Klassik und Romantik zum Beispiel verhält es sich aufgrund der immer genauer definierten Vorlage ganz anders.

Alle Kompositionen dieses Programms sind aus Dowlands meisterhaftem Instrumentalzyklus „Lachrimae, or Seaven Teares“ extrahiert. Sieben verschiedene Arten von Tränen werden hier von fünf Gamben und Laute vielstimmig besungen. Meine „Metamorphosen“ bleiben dabei sehr nahe am thematischen Material des Originals, um die sehr spezifische Linienführung und daraus resultierende Harmonik als grundlegende gestalterische Elemente weiter zu verwenden, umzudeuten, in andere Kontexte zu stellen. Aus Dowland´schen „Keimzellen“ neue Stücke im Spannungsfeld zwischen Kammermusik und Jazz zu komponieren, die vor allem auch als Sprungbretter für unsere Trio-Interaktionen dienen, war das Ziel. Denn jede Jazzkomposition muss auch den improvisatorisch zu erfüllenden Raum definieren. Besonderes Augenmerk kommt dabei den Tonartenverwandtschaften zu, welche mit den im „Lachrimae“-Zyklus zentralen Skalen von A-Moll, A-Dur, C-Dur und E-Dur meist um Terzverwandtschaften kreisen. Daher könnte man auch die zehn Triokompositionen in annähernd jeder beliebigen Reihenfolge spielen, ohne die harmonischen Bezüge der Stücke zueinander zu schwächen.

Dass die Umsetzung eines solchen Vorhabens nur mit Musikern gelingen kann, die sich in der Welt der komponierten Musik genauso selbstverständlich bewegen wie als Improvisatoren und Jazzmusiker, ist evident. Die Spielweise und der Sound meiner beiden großartigen Mitmusiker waren daher Voraussetzung für mich, dieses Projekt zu wagen und uns, einem seit einigen Jahren in gleicher Besetzung spielenden Trio, „Dancing Dowland“ auf den Leib zu schneidern.