25.09.04 / 17:00h
25 Jahre Tangente - eine Rückschau
Ansprache von Evelyne Bermann

25 Jahre Tangente...

Liebe Gäste dieser Feierstunde, es wurden mir fünf Minuten Redezeit zugestanden. Aber bei Fülle der Aktivitäten und ihrer späteren Auswirkungen auf die Kunstszene Liechtenstein wären fünf Minuten eine Verniedlichung des Geleisteten – und es ist mir zum Jubiläum eines Viertel Jahrhunderts ein persönliches Anliegen, dieses enorme Engagement darzustellen und zu würdigen. Ich bitte Sie daher um etwas mehr Geduld.


Die Tangente und die Kunst

Ein Märchen – vom Leben erfunden
aufgeschrieben und erzählt von Evelyne Bermann


Es war einmal...

ein Mathematiker – er war Contra-Bassist, Jazz-Fan, Bandmusiker aus Liebhaberei... und sein bester Freund – ein Germanist, Literat, Wort- und anderer Künstler. Zwei Freunde – nennen wir sie Karl und Jens. Erfüllt von den Visionen der 68er Jahre, voller Tatendrang waren sie heimgekehrt von der Uni Zürich. Karl träumte vom Jazz-Keller, Jens von einer Galerie.

Die Probenraumsuche bei Gemeinden und Privaten gebar Absage um Absage. Die beiden Freunde konnten nicht umhin zu erkennen, dass sich "Oben am jungen Rhein" eine kulturelle Pampa erstreckte. Das Establishment fürchtete den musikalischen Lärm, unser Bassist verfiel ins Contra. Als ich damals nach langen Studienjahren meinen Schulkollegen Karl wieder traf, wälzte er allerdings bereits die "spinnige" Idee, es "denen" zu zeigen und sich seinen Konzertsaal "halt" selber zu bauen.

Das dürfte der Grund sein, warum ich heute zu Ihnen über die "Tangente und die Kunst" sprechen darf. Ich kenne die Tangente sozusagen bereits vorgeburtlich – und ich habe ihren Weg verfolgt, habe den grössten Teil der Aussstellungen gesehen und die freund-schaftliche Atmosphäre hier genossen.

Es waren einmal...

ein Jazz- und ein Kunst-Fan. Gemeinsam eröffneten sie mit Musik und Kunst, mit einem Konzert und einer Ausstellung, die Tangente. Das geschah am 15. September 1979, vor genau 25 Jahren und 10 Tagen, hier an der Haldengasse in Eschen.

25 Jahre...

Fünfundzwanzig Jahre Kunst in der Tangente – das waren 136 Ausstellungen, davon 7 Künstlerwettbewerbe, 9 Kulturaustauschprojekte, 8 Werkjahrpräsentationen. Dazu 7 Jahre Kindermalschule, weitere 7 Jahre Malatelier nach Arno Stern. Theater für die Kleinen, genannt Kasperletheater sowie Theater für die Grossen, genannt Performances. Lesungen, Buchpräsentationen...

Diese eindrücklichen Zahlen allein weisen bereits auf die Bedeutung der Tangente für die Kunstszene Liechtenstein hin. Um ihren Stellenwert in ihrer Tragweite und Ausstrahlung zu erfassen, bedarf es doch einer näheren Betrachtung.

Ich habe meine märchenhafte Einleitung keineswegs um des Gags willen gewählt. Vielmehr hat sich Liechtenstein in diesen 25 Jahren so grundlegend verändert, dass viele sich das enorme Bedürfnis nach einem Ort wie der Tangente gar nicht mehr vorstellen können. Von den wenigen Altmeistern des Landes einmal abgesehen kehrte in den 70er Jahren erstmals eine Generation von Kunstschaffenden ins Land zurück, die im Ausland – in Zürich, Wien oder Berlin – eine richtige Kunstausbildung absolviert hatte.

Was sie vorfand, war Leere, war ein künstlerisches Niemandsland. Im TaK, damals selbst noch in seinen Kinderschuhen, wurden Bilder gezeigt, aber für die Liechtensteinischen Kunstschaffenden existierten keine Ausstellungsräume, keine Infrastruktur. Somit hatte man auch kaum Kontakt und kannte einander nicht. Die Tangente war also von allem Anfang an nicht nur Galerie, sondern auch ein Ort der Begegnung zwischen den Kunstschaffenden.

"Who is who"

Vertieft man sich in die lange Liste der Ausstellungen, so liest sie sich wie ein "Who is who" der heute aktiven Künstlerschaft in Liechtenstein: Bruno Kaufmann, Regina Marxer, Louis Jäger, Hanni Roeckle, Arno Oehri, Gertrud Kohli, Hugo Marxer, Elisabeth Büchel scheinen bereits in den ersten Jahren auf. Alle anderen – jetzt nicht genannten – mögen mir verzeihen, dass ich die Liste hier abschliesse. (Das kleine Büchlein zum Jubiläum listet alle Namen auf.)

Die Tangente hat der heutigen Künstlergeneration ihre Räume für die Präsentation ihrer Werke geöffnet. Sie hat dabei Offenheit gegenüber verschiedensten Kunstrichtungen und Urteilskraft in der Auswahl der Kunstschaffenden bewiesen. Für viele von uns war die Tangente das Sprungbrett und ich glaube, ich darf für den grössten Teil der Liechtenstei-nischen Künstlerschaft sprechen, wenn ich sage, dass die Tangente uns nicht nur künstlerische, sondern immer auch menschliche Heimat war.

Innovation als Programm

Der Anspruch an die Qualität der gezeigten Kunst war von Anfang an hoch gesteckt. Ich zitiere dazu ein paar Sätze aus einer Vernissagerede von Jens Dittmar: "Kunst ist Innovation. Das heisst, Kunst vermittelt die Abweichung von der durch die Macht der Gewohnheit bereits zur Selbstverständlichkeit gewordenen Erkenntnis. Diese Kunstauffassung ist
dynamisch. Nach ihr gibt es Kunst nicht im Objekt, sondern sie manifestiert sich jeden Augenblick im Betrachter." So gesagt im Oktober 1979.

Innovation ist Programm – immer wieder setzte die Tangente Impulse. Schon im zweiten Jahr ihres Bestehens schrieb sie den ersten Künstler-Wettbewerb zum Thema "Schubladen" aus. Die Teilnahme war offen und so zeigten sich an diesen Wettbewerben meist die neuen, oder soll ich sagen frisch zurückgekehrten, Talente. Die Veranstalter hatten gar Sponsoren für Preisgelder gefunden, auch das ein Novum in Liechtenstein. 1986 beim vierten Wettbewerb zum Thema "Tarot" war der Ansturm der Teilnehmenden derart gross, dass die Kunstobjekte sämtliche Räume der Pfrundbauten in Eschen füllten.

Die Darbietungen in der Tangente vermochten auch immer wieder zu provozieren. Über die Performance anlässlich der Ausstellungseröffnung des Wettbewerbs "Heimat" ereifert sich das Volksblatt über Phantasielosigkeit der Kunstschaffenden und noch mehr über die vermutete Verulkung dieses höchsten Gutes. Jens Dittmar bleibt in seiner Replik nichts schuldig. Es lohnt sich, diesen Diskurs aus heutiger Sicht in der Chronik "11 Jahre Tangente" nachzulesen.

1983 stiess Susanne Niederberger-Gassner zum Vorstandsteam, sie wird 15 Jahre lang das Kunstgeschehen mitgestalten und in den späteren Jahren prägen. Im gleichen Jahr – Innovation – scheint erstmals die Kindermalschule im Programm auf.

"First time in Liechtenstein"

Viele weitere Male durfte die Tangente das Prädikat "First time in Liechtenstein" für sich in Anspruch nehmen: so zeigte sie 1981 die erste Ausstellung von Joseph Beuys (Druckgra-fik), 1983, wie gesagt, die erste Performance, 1984 organisierte sie den ersten Kulturaustausch – 9 Liechtensteinische Kunstschaffende stellten in Feldkirch aus. Im gleichen Jahr organisierte sie die erste Liechtensteinische Teilnahme an einer internationalen Kunstmesse, der ART in Basel – und sie zeigt Druckgrafik von Miró.

1985 erfolgt der Gegenbesuch von 4 Feldkircher Kunstschaffenden und die Tangente wagt sich weiter in die internationalen Gewässer vor, Druckgrafik von Oskar Kokoschka, Horst Janssen, HAP Griesshaber und Max Ernst stehen auf dem Programm.

Unerschöpflich scheinen die Ideen und die Energien des Teams Karl Gassner, Jens Dittmar und Susanne Gassner.

1988 präsentieren sie ihr neuestes Kind – die Dokumentationsstelle "Kunst in Liechtenstein". Innert weniger Jahre war die Tangente zum Kompetenzzentrum für das Kunst-schaffen in Liechtenstein geworden. Journalisten baten regelmässig um Unterlagen. Von dieser Stunde Null an begann sie alles zu sammeln, was über Kunst und Kunstschaffende in Liechtenstein publiziert wurde. Nach nunmehr 16 Jahren Sammeltätigkeit ist die Dokumentationsstelle zu einer umfangreichen Bibliothek herangewachsen. Seit ca. 1 ½ Jahren ist Karl Gassner im Auftrag des Kulturbeirates dabei, dieses Archiv zu komplettieren und in eine gut zugängliche Form aufzuarbeiten.

"First time in Liechtenstein" – 1990 veranstaltet die Tangente eine internationale "Fax-Art-Biennale". Wie viele Fax-Kunstwerke damals eingingen, konnte ich nirgends entnehmen, aber das Bild zeigt einen papierüberfüllten Ausstellungsraum. Erstmals zeigte ein Künstler die Arbeiten seines Werkjahres in einer Ausstellung und aus der Kindermalschule wird das Malatelier nach der Methode von Arno Stern. Dieses Malatelier ist ein Vorläufer zur heutigen Kunstschule Liechtenstein.

Ihr 11-jähriges Jubiläum feiert die Tangente mit der "Kunstrolle", einer bibliophilen Edition, an der sich 11liechtensteinische Künstlerinnen und Künstler beteiligen. Sie publiziert den ersten Band der Chronik und Hieronismus Schädler bringt seine eigens komponierte Musikalische Collage zur Uraufführung. ...und damit endet die Chose...

...mit diesen lakonischen Worten schliesst die Chronik 1979 –1990. Auch für Jens Dittmar – Mitbegründer, unerschöpflicher Ideenproduzent und Kunstmotor endet sein Tangente-Weg hier. Er folgte dem Ruf der Literatur und wirkt für viele Jahre in Deutschland. Elisabeth Büchel übernimmt seinen Platz im Vorstand.


Umbau und Neueröffnung

Die Chose endet aber nicht, im Gegenteil – die Tangente ist gewachsen und benötigt daher dringend ein neues Kleid. 1991 wird sie wegen Umbau geschlossen und im Herbst 1992 unterkellert und mit neuem Foyer wieder eröffnet. Die Ausstellungen finden im Pfrundhaus in Eschen Unterschlupf.

Parallel zum politischen Diskurs bestreiten in den Jahren 1991 – 1993 ganz stark die Künstlerinnen das Ausstellungsprogramm. "Kunst von Frauen – nicht Frauenkunst" titelt das Vaterland, nicht politische Parole soll es sein, sondern die Frage nach der weiblichen Ästhetik wird gestellt. Das Gezeigte war keineswegs leichte Kost, nachzulesen in der Tangente-Chronik Band 2.
11 fulminate Kunstjahre weiter zu führen ist keine leichte Aufgabe. Das Vertrauen – auch das der Sponsoren – war gewachsen, andererseits natürlich auch die Erwartungen. Die Tangente wäre nicht die Tangente, wenn sie nicht immer wieder neu zu bearbeitende Felder gefunden hätte.

Von 1993 an gesellten sich zum normalen Ausstellungsbetrieb 7 Jahre lang die Beratung und Betreuung der Ausstellungen in den Räumen der Liechtensteinischen Landesbank in Vaduz. Ein riesiger Vertrauensbeweis für die Tangente, welcher 14 grosse Kunst-Präsentationen hervorbrachte. An dieser Stelle gilt es Susanne Gassner einen besonderen Dank auszusprechen. Sie hat nicht nur sehr viel für die Kunstszene, sondern auch für die einzelnen Künstler getan, diese betreut und ihnen Kontakte eröffnet.

Erwähnenswert ist sicherlich auch das Projekt von 1997 "Statements und weisse Blätter", bei welchem Liechtensteins Politiker sich auf Anfrage der Tangente zu Kunst äusserten – oder eben auch nicht. Es entstand daraus eine kleine Edition.

Seit 1995 wurde der Faden der Kultur-Austauschprojekte wieder aufgenommen: Liechtenstein – Slowakei, Berlin als kontinuierliches Projekt, Liechtenstein – Indonesien.

1999 – zum 20-jährigen Jubiläum der Tangente erschien die "Kunstkiste" – eine Edition mit Objekten, Skulpturen und Blättern von 20 Kunstschaffenden aus der Region. Ein oder zwei Kunstkisten können noch erworben werden!

2002 fand erstmals wieder ein Wettbewerb statt. Die Projektidee der Tangente zum "Jahr der Berge" wurde von der Kommission Kunstraum Engländerbau übernommen und geför-dert. Kuratiert von Dr. Cornelia Herrmann und Karl Gassner entstand die Ausstellung "Höhenrausch und Fernsicht" mit welcher Kunstschaffende aus Liechtenstein, Vorarlberg, den Kantonen St.Gallen und Graubünden den neuen "Kunstraum Engländerbau" im Zentrum von Vaduz eröffneten.

Vorstandsmitglieder

Durch ihr langjähriges Wirken prägten die Vorstandsmitglieder die Tangente. Noch nicht erwähnt wurden Bruno Kaufmann, jetziger Direktor der Kunstschule, und Elmar Gangl, der sein Engagement ebenfalls der Kunstschule und dem Kunstraum Engländerbau widmet. Im Jahr 2000 trat die Kunsthistorikerin Dr. Cornelia Herrmann dem Vorstand bei – ad multos annos.

Konkurrenz ist der Tangente immer wieder erwachsen – aber keine andere Galerie hat so lange durchgehalten, keine hat ein so breites, professionelles und innovatives Ausstel-lungsprogramm gezeigt... und keiner hat so lange durchgehalten...

Charlie alias Karl

...wie Karl Gassner. Karl ist ein Vermittelnder, einer der Plattformen schafft für andere, damit sie sich entfalten können, sei es als Lehrer und über Jahre auch als Schulleiter in der Realschule Eschen, als Veranstalter von Jazzkonzerten von internationalem Rang oder als Ausstellungspartner für eine ganze Künstlergeneration in Liechtenstein. Und immer bleibt Karl im Hintergrund – überlässt anderen die Bühne, den grossen Auftritt.
Wir alle haben Dir viel zu verdanken und sollten dies gerade in der breiten Kunstlandschaft, die heute besteht, niemals vergessen.

Karl, ich gratuliere Dir an dieser Stelle zu Deinem Mut, Deinem Durchhaltevermögen und nicht zuletzt zu Deinem riesigen Erfolg.

Es war einmal

Es war einmal – aber was ich Ihnen jetzt erzählt habe ist eine wahre Geschichte, die in der Rückschau klingt wie ein Märchen. Wie im Märchen möchte ich auch meine Ausführungen beenden...

...und so lebten und wirkten sie noch ungezählte Jahre weiter, kraftvoll, neugierig, offen und mutig, erfolgreich... und überglücklich:
denn sie sind umgeben von herausragenden Kulturschaffenden, engagierten Vereinsmitgliedern, begeisterten und vor allem auch zahlreichen Besucherinnen und Besuchern – und zu guter Letzt, auf dass es sich besser einpräge – grosszügigen Sponsoren aus Staat, Gemeinde und Wirtschaft.

Ich wünsche der TANGENTE und uns allen noch viele kulturerfüllte Jahre.




Schaan, den 25. September 2004