27.01.07 / 20:15h
Depart
Modern Jazz
Harry Sokalts, ss
Heiri Känzigb
Jojo Mayerdm

Depart, eine jazz-alpine Dreieinigkeit
Das virtuose schweizerisch-österreichische Trio-Kraftwerk spielt einen explosiven Mix aus packenden Melodien und aufregenden Rhythmen.

Die Schlagzeile von einem der „Comebacks des Jahres“ innerhalb der europäischen Jazzszene hat bereits die Runde gemacht. Ja, „Depart“, das virtuose Schweizerisch-österreichische Trio-Kraftwerk, das zwischen 1985 und 1994 die Festival- und Club-Auditorien elektrisierte, kurvt tatsächlich wieder durch den internationalen Parcours. Wer indessen hört, welch fulminante Töne die drei Herren heute anschlagen, der hört auch rasch, dass es zu kurz greift, hier von bloßer Rück- oder Wiederkehr zu sprechen. Handelt es sich bei „Depart Reloaded“ doch um keine jener Reunionen, in der die Musiker nostalgietrunken dort anknüpfen, wo sie zuletzt aufgehört haben – obwohl sich Zeitgeist und Materialstand längst weiter entwickelt haben. „Depart Reloaded“, das ist ein Neuzusammenschluss dreier Musiker mit gemeinsamer Vergangenheit, dreier in ihren Profilen geschärfter Persönlichkeiten, die ihre individuell gewonnenen Erfahrungen der letzten zehn Jahre nun zueinander in Beziehung setzen. Und dabei auf die unschätzbare Ressource einer schlafwandlerischen Interaktionssicherheit bauen können.
Da ist Harry Sokal, der gebürtige Wiener und mittlerweile längstdienende Recke des „Vienna Art Orchestra“ (VAO), zudem einer der führenden Post-Coltrane-Saxofonisten, der dank seines brillanten melodisch-harmonischen Verständnisses Töne über die Akkorde legt, als würde „ein Vogel durch vier verschiedene Jahreszeiten fliegen“ (Sokal). Und der sich zuletzt - nach Groove-orientierten Bandprojekten in den 90ern (u. a. mit Gerald Veasley, Matthew Garrison) - im Trio-Format auch bewusst mit der Jazztradition auseinander setzte.
Da ist das Schweizer Bassisten-Schwergewicht Heiri Känzig, mit Sokal im Quintett des legendären Flügelhornisten Art Farmer und dem VAO musikalisch aufgewachsen, später der als erster Nichtfranzose Mitglied des Orchestre National de France in Paris und gesuchter Begleiter von Musikern wie Thierry Lang, Kenny Wheeler, Paolo Fresu und Didier Lockwood. Zuletzt war er mit seinem Großprojekt „Thien Shan-Schweiz-Express“, in dem er Volksmusiker aus Zentralasien, der Mongolei, Österreich und aus der Schweiz zusammen führte, zugange.
Und da ist Jojo Mayer aus Zürich, als blutjunger, ungezähmter „Schlagzeug-Hengst“ einst nur Trio-„Ersatzmann“ für den durch einen gebrochenem Arm gehandicappten Fredy Studer, spätestens seit seiner Mitwirkung in David Fiuczynskis „Screaming Headless Torsos“ auch in der New Yorker Szene ein kultig verehrter Könner seines Fachs, der u. a. im Projekt „Nerve“ und mit der Veranstaltungsreihe „Prohibited Beatz“ sein Ohr ganz nahe an zeitgenössischen Grooves aus der Computer-Retorte hat.
Das färbt ab. So begegnet man auf „Reloaded“ zwischen 15/4-, 9/4- und anderen Metren („Magic Transition“ bzw. „Drei im Quadrat“) changierender Rhythmusarbeit eines „analogen“ Drum&Bass-Gespanns ebenso wie einer kirgisischen Hirtenmelodie (Mittelthema von „Timeless Dreams“). Oder einem Schweizer Volkslied, dessen Jodler Heiri Känzig in Richtung 5/4-Takt deutet – dergestalt den „liebä Bueb vom Ämmital“ in einen „bösen Bub“ verwandelnd. Auch von lyrischen Momenten des Innehaltens lebt die Musik, in denen die dreiklangsverliebten Harmonizer-Sounds Harry Sokals als ferne Echos jener Wienerlieder gehört werden mögen, die ihm einst sein Vater vorsang, während Känzig die mit Wäschekluppen präparierten Bass-Saiten betätigt („Chlüppli Groove“). Die Jazztradition ist in Gestalt erdiger (Moll-Blues-)Verbeugungen vor Charles Mingus bzw. Eddie Harris präsent. Wie auch in Gestalt eines – gänzlich unbekannten – Standards („They Say It’s Spring“), an dem neben der melodischen Kontur auch der 10-taktige A-Teil des Themas reizte.
Kein Zweifel: Hier sind drei Musiker am Werk, deren Horizont sich in vielerlei Richtungen erweitert hat und die weiterhin Offenheit für aktuelle Strömungen zeigen. Drei gereifte Männer, die zwar immer noch zu enormer Energieentwicklung fähig sind, die ihr Ohrenmerk jedoch ebenso auf elastisch-filigrane Ensemble-Balance und die Aussage jedes einzelnen Tons legen. Von einem „Comeback“ zu sprechen, scheint da eine glatte Untertreibung.